Thema
Wer kocht 2036 noch?

Wenn der Koch kein Mensch mehr ist

Seit dem 16. September 2026 kocht im Leipziger Hauptbahnhof ein Roboter. Den Küchenchef kann er nicht ersetzen. Menschen, die nur Routineaufgaben ausführen hingegen schon. Was bedeutet das für die Zukunft des Kochberufs?
Moderne Technologien übernehmen zunehmend klassische Kochprozesse und werfen neue Fragen zur Zukunft unseres Berufs auf. – FOTO: KI generiertes Bild
Er heißt Robyn und stammt vom Hamburger Hersteller Goodbytz. Er arbeitet auf rund 15 Quadratmetern an acht Kochstellen und schafft bis zu 100 Gerichte pro Stunde. Er wählt die Zutaten aus, erhitzt, rührt und portioniert, Temperatur und Garzeit steuert er selbst. Durch eine Glasscheibe können die Gäste zusehen, wie Roboterarme Zutaten in die Pfannen geben, präzise und mit einer beinahe unheimlichen Selbstverständlichkeit. Er wird nie krank, kündigt nicht und fragt nicht nach dem freien Wochenende. Bestellt wird am Terminal, ein Gericht kostet zwischen 7 und 12 Euro: Reis- und Nudelgerichte, Salate oder Currywurst.
Ein Mensch steht trotzdem im Restaurant Robyn’s, genau einer: Er bereitet Zutaten vor, füllt sie nach, reinigt und betreut die Anlage und ist Ansprechpartner für die Gäste.
Man kann das als Spielerei am Bahnhof abtun. Wäre bequem, aber falsch.
Der Roboter ersetzt den Commis
Dass Maschinen standardisierte Abläufe übernehmen, ist nicht neu. Neu ist, dass sie dank künstlicher Intelligenz heute Aufgaben übernehmen, für die wir dachten, dass Menschen unbedingt notwendig wären. Robyn wärmt kein fertiges Gericht auf. Er führt Zutaten zusammen, steuert Temperaturen und Garzeiten und kocht nach hinterlegter Rezeptur, reproduzierbar, Teller für Teller.
Die übliche Beruhigung lautet: Eine Maschine hat keine Kreativität, keine Sensorik und keine Gastfreundschaft. Das stimmt. Nur braucht Robyn nichts davon, um einen Teil unseres Berufs überflüssig zu machen. Er ersetzt nicht den Küchenchef oder die -chefin, die die Rezepte entwickeln. Er ersetzt den Koch am Posten, der dasselbe Gericht zum hundertsten Mal gleich gut rausschickt.
Genau dort lernen junge Köchinnen und Köche ihr Handwerk. Routine, Tempo und das Gefühl für Garpunkte und Mengen entstehen nicht in der Berufsschule. Sie entstehen in tausend Wiederholungen am Herd. Wenn Maschinen diese Wiederholungen übernehmen, stellt sich eine Frage, die bisher kaum jemand stellt: Wo lernt der Küchenchef von 2036 das Kochen?
Marc Oberhofer, Küchenchef Hotel Lamm, bildet selbst Lehrlinge aus. Was die Maschine nie lernt, ist für ihn klar: „Kein Sensor der Welt fühlt, wie eine frische Zutat unter den Fingern nachgibt, und kein Algorithmus schmeckt eine Sauce mit Intuition ab.“ Genau das will er weitergeben, wenn der Alltag es zulässt: „Die Wahrheit tut weh: Im Alltagsstress, wo wir oft nur Lücken stopfen und Massen bewegen, müssen wir diese kostbaren Momente des echten Lehrens viel zu oft opfern.“
Würde er einen Lehrling einstellen, wenn ein Roboter die Arbeit am Posten günstiger erledigt? „Ja, absolut, von ganzem Herzen“, sagt Oberhofer. „Ein Roboter mag Handgriffe günstiger abspulen, aber ihm fehlen das kulinarische Gespür und der Stolz, den ein junges Talent in jedes Gericht legt. Ohne die Leidenschaft junger Menschen ist eine Küche nur eine seelenlose Fabrik.“
Der Roboter braucht Einheitsware
Ein Detail aus dem Leipziger Bahnhofsexperiment verdient in Südtirol besondere Aufmerksamkeit: Die Produkte werden über den Großhandel geliefert, und zwar so, dass Größe, Konsistenz und Qualität immer gleich sind. Anders funktioniert die Maschine nicht.
Das ist das Gegenteil dessen, wofür wir in Südtirol seit Jahren werben: Kartoffeln vom Bauern im Tal, deren Stärkegehalt von Lieferung zu Lieferung schwankt, und Milch, die im Frühjahr anders ist als im Herbst. Eine gute Köchin und ein guter Koch erkennt, wenn ein Produkt heute anders beschaffen ist als gestern. Sie schmecken, hinterfragen, verändern und entwickeln weiter. Der Roboter ist darauf angewiesen, dass es gar nicht erst so weit kommt.
Daraus folgt eine unbequeme Wahrheit. Wer auf Standardware und Standardgerichte zum Durchschnittspreis setzt, bekommt mit der Maschine eine Konkurrentin, die – wenn alles perfekt vorbereitet ist und keine Zwischenfälle passieren – billiger und verlässlicher ist. Wer aber auf Produkt, Region und eigene Handschrift setzt, hat einen Vorsprung, den keine Anlage einholt.
Die Automatisierung wird die Branche spalten, und jeder Betrieb sollte wissen, auf welcher Seite er steht.
Dazu kommt: Auch eine Roboterküche braucht zunächst etwas sehr Menschliches, nämlich eine kulinarische Idee. Jemand muss die Rezepturen entwickeln, den Geschmack definieren und die Abläufe festlegen. Auch Robyn kocht nur so gut, wie ein Koch oder eine Köchin es ihm beigebracht hat.
Wo die Maschine Sinn ergibt
Heißt das, dass Technik in guten Küchen nichts verloren hat? Es gibt Orte, wo ein bestimmter Bedarf maschinell gedeckt werden muss: In Kantinen, Mensen, Krankenhäusern oder in der Verkehrsgastronomie kann eine Maschine genau die Lücken füllen, für die sich schon heute kein Personal findet.
Auch in der À-la-carte-Küche erledigen Kombidämpfer, Vakuumgaren und digitale Warenwirtschaft längst Arbeit, für die früher mehr Hände nötig waren. Deshalb:
Neue Technologien grundsätzlich abzulehnen wäre ebenso falsch, wie in ihnen die Lösung aller Probleme der Gastronomie zu sehen. Nicht jede Technologie passt zu jedem Betrieb. Die Frage war nie, ob Technik kommt. Die Frage ist, wer sie steuert.
Südtirol: kein Roboter, aber eine Werkstatt
Noch kocht in Bozen kein Roboter wie im Leipziger Hauptbahnhof. Aber das Wissen, das uns helfen soll, unsere Küchen neu zu denken, entsteht auch vor unserer Haustür. Im rund 50 Quadratmeter großen Kitchen Lab am NOI Techpark werden neue Produkte, Rezepturen und Herstellungsverfahren entwickelt und erprobt. Fraunhofer Italia forscht dort zu Automatisierung, Robotik und maschinellem Lernen. Ab November soll gemeinsam mit dem Gustelier des HGV die Smart Kitchen Academy starten, mit Schwerpunkt auf Systemküche und Digitalisierung.
„Köchinnen und Köche lernen in der Smart Kitchen Academy, wie sie durch klare Prozesse und smarte Technik ihre Küchen zukunftsfähig aufstellen. Es geht nicht um vollautomatisierte Roboter, sondern darum, die Kontrolle im Service zurückzugewinnen – für entlastete Teams, wirtschaftlichen Erfolg und alpin-mediterranen Genuss auf höchstem Niveau.“ KM Thomas Kostner, Smart Kitchen Academy Referent.
Die Frage für 2036
Die größte Konkurrenz für den Koch der Zukunft ist nicht der Roboter. Es ist der Stillstand im eigenen Berufsbild: Köchinnen und Köche, die nur ausführen, was jede Maschine genauso gut ausführen kann. Wer 2036 noch gebraucht wird, versteht sein Produkt, entwickelt Rezepturen, auch jene, nach denen eine Maschine kocht, und kann Menschen führen, Wissen weitergeben und junge Leute für diesen Beruf begeistern. Für den Fachlehrer am BBZ Emma Hellenstainer und Küchenmeister Martin Leitner bedeutet das auch, „dass die Ausbildung der Köchinnen und Köche genau darauf abzielen muss – anstatt von ihnen jene Fähigkeiten abzuverlangen, die eine Maschine genauso gut, vielleicht sogar besser, ausführen kann. Das ist keine Aufgabe für 2036, sondern eine Aufgabe für die Lehrpläne, die wir jetzt schreiben.“
Eines aber muss klar sein: Ein Roboter kann Aufgaben übernehmen, Köchinnen und Köche ersetzen kann er nicht. Er kann rühren, garen und portionieren, hundertmal gleich und rund um die Uhr. Aber er weiß nicht, wie die Knödel bei der Großmutter geschmeckt haben. Er kennt den Bauern nicht, der die Kartoffeln bringt, und er spürt nicht, wann ein Gericht mehr ist als die Summe seiner Zutaten. Er hat nie um drei Uhr früh an einem neuen Gericht getüftelt, weil ihn die Idee nicht schlafen ließ. Tradition, Herkunft, Leidenschaft und die Freude daran, Gäste glücklich zu machen, lassen sich nicht programmieren. Sie sind das, was eine Küche zu einer Südtiroler Küche macht und einen Koch zu einem Koch.
Deshalb ist unsere Antwort eindeutig: Robotik als Unterstützung, wo sie Sinn ergibt, ja. Als Ersatz für uns, nein.
Robyn kocht in Leipzig bis 22 Uhr, an künftigen Standorten soll er rund um die Uhr laufen. Die Frage ist nicht Mensch oder Maschine. Die Frage ist, ob wir 2036 noch diejenigen sind, die den Unterschied machen.
pj

Bezirke

Gemeinsam unterwegs. Seit 30 Jahren

Von Südtirol bis ins Elsass, vom Bodensee bis nach Rom: Die traditionellen Herbstausflüge des SKV verbinden seit drei Jahrzehnten kulinarische Entdeckungen, Weiterbildung und gelebte Gemeinschaft.
Manchmal braucht es nur einen gemeinsamen Aufbruch, um neue Perspektiven zu gewinnen. Ein früher Treffpunkt, ein Reisebus voller Köchinnen und Köche, interessante Gespräche und die Vorfreude auf das, was der Tag bringen wird. So oder ähnlich beginnen seit mittlerweile 30 Jahren die traditionellen Herbstausflüge des Südtiroler Köcheverbandes - SKV. Und auch wenn sich die Reiseziele im Laufe der Jahrzehnte verändert haben, ist eines geblieben: die Freude daran, gemeinsam unterwegs zu sein.
Was 1996 mit einer Tagesfahrt ins Tannheimer Tal begann, entwickelte sich zu einer festen Tradition im Verbandsjahr. Aus eintägigen Ausflügen wurden Lehrfahrten, kulinarische Entdeckungsreisen und mehrtägige Studienfahrten. Die Wege führten durch Südtirol, nach Bayern, Salzburg und in die Steiermark, an den Bodensee, ins Piemont und ins Elsass, nach Rom, Triest und in die Schweiz.
Jede dieser Reisen hatte ihren eigenen Charakter. Mal standen traditionelle Handwerksbetriebe und regionale Produzentinnen und Produzenten im Mittelpunkt, mal besondere gastronomische Konzepte, Weinbau, Landwirtschaft oder kulturelle Sehenswürdigkeiten. Immer aber ging es darum, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und die kulinarische Identität anderer Regionen kennenzulernen.
Die schönsten Erinnerungen reisen mit
Wer gemeinsam unterwegs ist, nimmt mehr mit nach Hause als neue Rezeptideen oder fachliche Erkenntnisse. Es sind die Begegnungen mit Produzenten, die Geschichten hinter besonderen Lebensmitteln, die Gespräche unter Berufskolleginnen und -kollegen und nicht zuletzt jene gemeinsamen Stunden, an die man sich noch Jahre später gerne erinnert.
Gerade darin liegt der besondere Wert der SKV-Herbstausflüge. Sie schaffen Raum für einen Austausch, der im oft hektischen Küchenalltag zu kurz kommt. Erfahrene Köchinnen und Köche treffen auf jüngere Berufskollegen, bestehende Freundschaften werden gepflegt und neue Kontakte geknüpft. Fachliches Interesse und Geselligkeit gehen dabei seit jeher Hand in Hand.
Ein Besuch beim Produzenten, ein Blick hinter die Kulissen eines gastronomischen Betriebes oder die Entdeckung einer regionalen Spezialität liefern neue Anregungen. Und spätestens beim gemeinsamen Essen wird aus einer interessanten Lehrfahrt ein Erlebnis, das verbindet.
Eine Tradition, die lebendig bleibt
Auch die jüngeren Reisen zeigen, wie vielfältig diese Tradition geblieben ist. Nach der Studienfahrt nach Rom 2021 folgten die Schweiz, Triest mit Einblicken in die Welt des Olivenöls, der Tegernsee sowie 2025 die Genussreise unter dem Motto „Tradition und Terroir“ nach Parma und Verona. Im Jubiläumsjahr 2026 führt der gemeinsame Ausflug nach Vorarlberg und Bregenz.
Drei Jahrzehnte nach der ersten Fahrt sind die Herbstausflüge damit weit mehr als ein fixer Termin im SKV-Jahreskalender. Sie sind ein Stück Verbandsgeschichte, getragen von Menschen, die ihre Leidenschaft für die Kochkunst teilen und neugierig geblieben sind.
Denn wer gemeinsam reist, entdeckt nicht nur neue Orte, Produkte und Geschmack. Er lernt auch die Menschen hinter unserem Beruf immer wieder von einer anderen Seite kennen.
30 Jahre, zahlreiche Reiseziele und unzählige gemeinsame Erinnerungen. Die schönste Erkenntnis daraus: Es gibt noch viel zu entdecken – und gemeinsam macht es einfach mehr Freude.
Chronik der dokumentierten Reisen von 1996 bis 2026
1996 Tagesfahrt ins Tannheimer Tal
1999 Kulinarische Entdeckungsreise in Südtirol
2000 Kulinarische Tagesfahrt durch Südtirol
2001 Bodensee
2002 Castelvetro und Gardasee
2003 Bayern und Tegernsee
2004 Kempten im Allgäu
2005 Isola della Scala und Verona
2006 Elsass
2007 Salzburg
2008 München
2009 Steiermark2010 Vorarlberg Schweiz und Bodensee
2011 Piemont
2012 Osttirol
2014 Salzburg
2015 München
2016 Augsburg
2017 Emilia-Romagna und Venetien
2018 Seefeld und Innsbruck
2019 Ingolstadt
2021 Rom
2022 Schweiz
2023 Triest
2024 Tegernsee
2025 Parma und Verona
2026 Vorarlberg und Bregenz
KM Roland Schöpf
SKV-Vizepräsident