Aktuell
Gustoso

Respekt schmeckt man

Josef Floh zählt zu den Vordenkern einer konsequent regionalen Gastronomie.
Josef Floh – FOTO: Christian Benesch
In seiner Gastwirtschaft „Der Floh“ im niederösterreichischen Langenlebarn zeigt Küchenchef und Gastwirt Josef Floh seit vielen Jahren, dass Nachhaltigkeit weit mehr sein kann als ein Schlagwort. Bei der Fachmesse „Gustoso“ in Bozen ist der vielfach ausgezeichnete Koch und Wirt persönlich zu Gast – und bringt eine Haltung mit, die zum Nachdenken anregt.
Josef, bei dir steht „Respekt“ über allem. Was bedeutet das konkret?
Respekt beginnt für mich bei den Menschen – bei Gästen, Mitarbeitenden, Partnern und Produzenten – und reicht bis zu den Lebensmitteln und zur Natur. Die Frage ist immer: Wie gehen wir mit dem um, was uns zur Verfügung steht? Diese Haltung zieht sich durch unseren gesamten Betrieb. Denn am Ende bin ich überzeugt: Respekt kann man schmecken.
Bekannt geworden bist du vor allem mit „Radius 66“. Was steckt dahinter?
Wir beschäftigen uns seit Jahrzehnten damit, wo Lebensmittel herkommen, wer sie produziert und wie sie erzeugt werden. 2008 haben wir dieser Idee einen Namen gegeben: „Radius 66“. Wir versuchen, möglichst viele Lebensmittel aus einem Umkreis von 66 Kilometern rund um unsere Gastwirtschaft zu beziehen. Aber eigentlich geht es weniger um die Kilometer als um Beziehungen zu Menschen und Produkten, deren Geschichte wir kennen.
Schränkt ein so kleiner Radius einen Koch nicht enorm ein?
Im Gegenteil. Regionalität und Saisonalität fordern Kreativität. Gute Paradeiser gibt es eben nicht zwölf Monate im Jahr. Also muss man sich überlegen, was gerade verfügbar ist, wie man Produkte konserviert und was sich daraus machen lässt. Genau diese vermeintliche Einschränkung kann unglaublich inspirierend sein.
Und was kann ein Südtiroler Gastronom von „Radius 66“ mitnehmen?
Es geht nicht darum, einen Kreis mit exakt 66 Kilometern zu ziehen. Entscheidend ist, sich mit dem eigenen Umfeld auseinanderzusetzen: Wer produziert hier gute Lebensmittel? Wie entstehen sie? Und wie können daraus langfristige Beziehungen werden? Regionalität beginnt mit Interesse – und mit Respekt.
Josef Floh persönlich kennenlernen
Bei Gustoso in Bozen spricht der österreichische Gastronom über seine Erfahrungen, seine Philosophie und darüber, warum konsequente Regionalität für ihn kein Verzicht, sondern eine Chance für die Gastronomie ist.
Bettina Schmid
Leiterin Gustelier & Gastro - HGV

Aktuell
Nachgefragt | Euroskills

Wenn jeder Handgriff zählt

Was sieht ein Juror, was anderen verborgen bleibt? Christian Pircher Verdorfer über Bewertung, Präzision und den Blick hinter die Kulissen von EuroSkills.
Christian Pircher Verdorfer – FOTO: Emi Massmer Emotions
Bei einem Kochwettbewerb sieht das Publikum am Ende vor allem eines: den fertigen Teller. Für die Jury beginnt die Bewertung jedoch lange davor. Arbeitsweise, Organisation, Hygiene, Technik, Umgang mit den Produkten und Zeitmanagement gehören ebenso zum Wettbewerb wie Geschmack und Präsentation.
Wie wir in den letzten Ausgaben des Magazins berichtet haben, geht bei den italienischen EuroSkills-Qualifikationen in Turin Max Tauber vom Hotel Castel Fragsburg in Meran für Südtirol an den Start. Sein Ziel: sich für die EuroSkills 2027 in Düsseldorf zu qualifizieren. Begleitet wird der Wettbewerb unter anderem von Christian Pircher Verdorfer, der in Vergangenheit bereits bei den WorldSkills als Juror agierte und jetzt für den Südtiroler Köcheverband - SKV bei den EuroSkills Qualifikationen in Turin dabei sein wird.
Damit wechseln wir bewusst die Perspektive: vom jungen Koch am Wettbewerbsherd auf die andere Seite, zur Jury. Denn während die Kandidatinnen und Kandidaten unter Zeitdruck um jeden Punkt kämpfen, müssen die Juroren genau beobachten, vergleichen und nach klar definierten Kriterien bewerten.
Doch worauf kommt es dabei an? Welche Details können den Unterschied machen? Und was passiert bei EuroSkills hinter den Kulissen, was Zuschauerinnen und Zuschauer normalerweise nicht mitbekommen?
Wir haben beim langjährigen Juror Christian Pircher Verdorfer nachgefragt.
Im Gespräch mit Christian Pircher Verdorfer
SKV: Christian, ein Gast beurteilt am Ende vor allem das, was auf dem Teller liegt. Worauf schaut ein EuroSkills-Juror bereits während des Kochens?
Christian Pircher Verdorfer: Als Juror schaut man natürlich nicht nur auf das fertige Gericht. Eigentlich beginnt die Bewertung schon viel früher. Wie organisiert arbeitet jemand? Wie sauber und strukturiert ist der Arbeitsplatz? Wie werden Lebensmittel behandelt, wie sicher sind die Handgriffe und wie gut wird die Zeit eingeteilt?
Man sieht während des Kochens sehr schnell, ob jemand einen klaren Plan hat oder ständig reagieren und improvisieren muss. Auch Technik und handwerkliche Präzision spielen eine große Rolle. Das fertige Gericht ist am Ende entscheidend, aber der Weg dorthin verrät sehr viel über das Können eines Kochs.
Bei einem Wettbewerb können kleinste Details über Punkte entscheiden. Was unterscheidet aus deiner Sicht eine gute Leistung von einer starken Wettbewerbsleistung?
Eine gute Leistung bedeutet für mich, dass das Handwerk stimmt und am Ende ein sehr gutes Gericht entsteht. Eine starke Wettbewerbsleistung geht noch einen Schritt weiter: Da passt alles zusammen.
Die Abläufe sind ruhig und präzise, die Zeit wird perfekt genutzt, die Techniken sitzen und trotzdem bleibt noch Raum für Geschmack, Persönlichkeit und eine eigene Idee. Gerade unter Wettbewerbsdruck ist das nicht selbstverständlich.
Am Ende entscheiden oft tatsächlich Kleinigkeiten: ein perfekter Garpunkt, die Temperatur beim Anrichten, eine Sauce, die genau die richtige Konsistenz hat oder die Präzision auf dem Teller. Auf diesem Niveau können solche Details den Unterschied machen.
Vieles von EuroSkills bekommt das Publikum gar nicht mit. Was passiert hinter den Kulissen – und was überrascht jemanden, der einen solchen Wettbewerb nur von außen kennt?
Von außen sieht man vor allem junge Köchinnen und Köche, die konzentriert an ihren Stationen arbeiten. Hinter den Kulissen steckt aber enorm viel Vorbereitung und Organisation.
Die Aufgaben müssen sehr genau definiert werden, die Bewertung muss für alle Teilnehmer:innen fair und nachvollziehbar sein, und die Jury stimmt sich ständig ab. Wir diskutieren Details, vergleichen Ergebnisse und achten darauf, dass wirklich nach denselben Kriterien bewertet wird.
Was viele wahrscheinlich überrascht: Als Juror muss man extrem konzentriert sein. Man beobachtet über Stunden sehr genau und muss gleichzeitig objektiv bleiben. Und trotz des Wettbewerbs ist die Atmosphäre oft sehr kollegial. Man merkt, wie viel Leidenschaft und Respekt für den Beruf dahinterstecken – sowohl bei den Teilnehmern als auch bei den Experten.
pj