Thema
Aus- und Weiterbildung

Wer lernt 2036 noch für Südtirol zu kochen?

Warum die Zukunft unseres Berufs nicht nur davon abhängt, wer ihn erlernt – sondern auch davon, ob wir bereit sind, ein Berufsleben lang weiterzulernen.
FOTO: Hannes Niederkofler
Ein Koch schließt im Jahr 2006 seine Ausbildung ab. Er hat gelernt, Fonds und Saucen herzustellen, Fleisch fachgerecht zu zerlegen, Fisch zu filetieren, Garverfahren richtig einzusetzen und einen Posten zu organisieren. In den folgenden Jahren sammelt er Erfahrung. Aus dem Jungkoch wird ein Chef de Partie, vielleicht ein Souschef und irgendwann ein Küchenchef.
2036 steht derselbe Koch seit 30 Jahren im Beruf. Sein Handwerk ist noch immer sein Fundament. Doch die Küche um ihn herum ist längst eine andere geworden. Gäste fragen nach pflanzenbasierten Gerichten, Allergenen und individuellen Ernährungsformen. Nachhaltigkeit und der Umgang mit Ressourcen sind Teil unternehmerischer Entscheidungen geworden. Digitale Warenwirtschaft, moderne Küchentechnik und künstliche Intelligenz verändern Prozesse. Gleichzeitig soll ein Küchenchef kalkulieren, Mitarbeitende führen, Lehrlinge ausbilden, Dienstpläne organisieren, wirtschaftlich denken und in einem Arbeitsmarkt bestehen, in dem gute Fachkräfte längst auswählen können, für wen sie arbeiten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Reicht das Wissen, mit dem wir unseren Beruf begonnen haben, noch für die Küche von morgen?
Nach dem Nachwuchs kommt die nächste Frage
In der vergangenen Ausgabe haben wir gefragt: „Wer kocht 2036 noch für Südtirol?“ Die Recherche zeigte ein differenzierteres Bild, als es die häufige Erzählung vom fehlenden Nachwuchs vermuten lässt. Die Zahl der Kochlehrlinge ist keineswegs eingebrochen. Gleichzeitig verändern sich die Erwartungen junger Menschen an Arbeit, Führung und berufliche Entwicklung. Die entscheidende Aufgabe besteht deshalb nicht allein darin, Menschen für den Kochberuf zu gewinnen. Wir müssen ihnen auch Perspektiven bieten, damit sie sich innerhalb dieses Berufs weiterentwickeln können.
Damit beginnt die nächste Diskussion. Denn mit der Lehrabschlussprüfung endet zwar eine Ausbildung. Das Lernen eines Kochs sollte dort aber nicht enden.
Wir sollten Weiterbildung deshalb anders betrachten: nicht als etwas, das man macht, wenn gerade Zeit dafür ist. Nicht als Seminar, das irgendwo zwischen Saisonende und Urlaubsplanung Platz finden muss. Und auch nicht nur als Möglichkeit für besonders Karriereorientierte. Sondern als selbstverständlichen Teil unseres Berufslebens.
Der Kochberuf bekommt neue Ebenen
Das bedeutet nicht, dass morgen jeder Koch gleichzeitig Ernährungswissenschaftler, Betriebswirt, IT-Spezialist und Psychologe sein muss.
Kochen bleibt ein Handwerk.
Wer Produkte nicht versteht, Garprozesse nicht beherrscht und Geschmack nicht beurteilen kann, wird auch mit der besten Software keine gute Küche führen. Doch rund um dieses handwerkliche Fundament entstehen neue Kompetenzfelder.
Ein Küchenchef führt heute nicht nur eine Küche. Er führt Menschen. Er trägt Verantwortung für Wirtschaftlichkeit, Einkauf, Warenströme und Qualität. Er muss mit unterschiedlichen Generationen umgehen können, Feedback geben, Konflikte lösen und junge Menschen ausbilden. Gleichzeitig verändern neue Ernährungskonzepte, Nachhaltigkeit und Digitalisierung die fachliche Seite seines Berufs.
Die Karriere eines Kochs kann deshalb heute nicht mehr nur als gerade Linie gedacht werden: Lehre – Gesellenjahre – Souschef – Küchenchef.
Berufliche Entwicklung kann ebenso Spezialisierung bedeuten. Vertiefung. Führung. Unternehmertum. Ernährungswissen. Ausbildungskompetenz. Digitalisierung. Nachhaltigkeit. Oder schlicht die Entscheidung, nach zwanzig Jahren Berufserfahrung noch einmal etwas zu lernen, das man mit 20 nicht lernen konnte – weil es damals in dieser Form noch gar nicht existierte.
Küchenmeister: Wenn aus Erfahrung Kompetenz werden soll
Genau an diesem Punkt bekommt auch die Meisterausbildung eine neue Bedeutung.
Der Küchenmeister war traditionell ein Zeichen höchster beruflicher Qualifikation. Daran hat sich nichts geändert. Was sich verändert, sind die Kompetenzen, die eine moderne Führungskraft in der Küche benötigt. Die Meisterausbildung kann deshalb mehr sein als die nächste Stufe nach der Lehre. Sie kann der Moment sein, in dem aus jahrelanger Berufserfahrung bewusst reflektierte Kompetenz wird.
Nicht: „Ich mache es so, weil ich es seit zwanzig Jahren so mache.“ Sondern: „Ich weiß, warum ich es so mache – und ich kann entscheiden, wann es Zeit ist, es anders zu machen.“
Pflanzenbasierte Kulinarik: Weiterbildung heißt auch Spezialisierung
Doch berufliche Entwicklung führt nicht zwangsläufig nach oben in eine Führungsposition. Sie kann genauso in die Tiefe eines Fachgebietes führen – die pflanzenbasierte Kulinarik ist dafür ein gutes Beispiel.
Dabei geht es nicht darum, die klassische Küche gegen eine neue auszuspielen. Und schon gar nicht um die Frage, ob Fleisch künftig noch auf einer Speisekarte stehen darf. Die interessantere Frage lautet: Beherrschen wir Köchinnen und Köche auch dieses Handwerk auf professionellem Niveau?
Ein Gemüsegericht ist nicht automatisch gute pflanzenbasierte Küche. Wer Geschmack, Textur, Proteine, Fermentation, Hülsenfrüchte, Getreide, Gemüse und moderne Zubereitungstechniken versteht, erweitert sein kulinarisches Repertoire. Genau dafür braucht es Weiterbildung.
Der geplante Lehrgang Pflanzenbasierte Kulinarik steht damit exemplarisch für eine Entwicklung, die den gesamten Berufsstand betrifft: Neue Anforderungen müssen nicht als Bedrohung für traditionelle Kochkunst verstanden werden. Sie können zusätzliche Kompetenz bedeuten. Ein Koch verliert nichts von seinem Wissen, wenn er etwas Neues dazulernt.
Sein Werkzeugkasten wird größer.
Erfahrung allein genügt nicht
In Küchen besitzt Erfahrung zu Recht einen hohen Stellenwert. Viele Dinge lassen sich nicht aus einem Lehrbuch lernen. Man muss einen Service erlebt, Fehler gemacht, Produkte verarbeitet und Verantwortung getragen haben.
Doch Erfahrung hat auch eine Schwäche: Sie beantwortet vor allem Fragen, die wir bereits kennen. Weiterbildung wird besonders dort wichtig, wo neue Fragen entstehen.
Wie verändert künstliche Intelligenz die Küchenorganisation? Was bedeutet moderne Mitarbeiterführung für eine Generation, die andere Erwartungen an ihre Arbeitswelt stellt? Wie verändern sich Ernährung und Gästebedürfnisse?
Aber wann sollen wir das alles lernen?
Wer über Weiterbildung spricht, darf allerdings einen Punkt nicht verschweigen. Zeit.
Ein Koch, der während der Saison fünf oder sechs Tage in der Woche arbeitet, besucht nicht nebenbei einen mehrmonatigen Lehrgang. Eine Küchenchefin mit Familie kann nicht selbstverständlich mehrere Abende pro Woche für Weiterbildung reservieren. Und ein kleiner Betrieb kann eine wichtige Fachkraft nicht beliebig für Seminartage freistellen.
Wer lebenslanges Lernen fordert, muss deshalb auch darüber sprechen, wie lebenslanges Lernen im gastronomischen Alltag überhaupt möglich wird. Hier liegt eine gemeinsame Aufgabe für Betriebe, Bildungseinrichtungen, Berufsverbände und öffentliche Hand. Weiterbildung muss erreichbar sein. Zeitlich, organisatorisch und finanziell.
Dafür braucht es künftig wohl stärker modulare Angebote: kürzere Lernphasen, Kombinationen aus Präsenz und digitalem Lernen, Spezialisierungen, die sich schrittweise aufbauen lassen – und Betriebe, die Weiterbildung nicht als verlorenen Arbeitstag betrachten, sondern als Investition in ihre eigene Zukunft. Denn am Ende kommt das Wissen zurück in die Küche.
Weiterbildung ist auch Mitarbeiterbindung
Damit schließt sich der Kreis zur Frage aus unserer vergangenen Ausgabe. Wir haben dort darüber gesprochen, warum junge Menschen in einem Betrieb bleiben – oder ihn verlassen. Wertschätzung, Betriebsklima, Arbeitsplatzsicherheit und berufliche Entwicklung spielen dabei eine wesentliche Rolle.
Einen Faktor unterschätzen wir dabei womöglich: Menschen bleiben eher dort, wo sie eine Zukunft für sich sehen. Ein junger Koch, der weiß, dass er Verantwortung übernehmen kann, braucht Perspektiven. Eine Mitarbeiterin, die sich fachlich spezialisieren möchte, braucht Möglichkeiten. Ein zukünftiger Küchenchef braucht mehr als die Aussicht darauf, irgendwann den Titel seines heutigen Chefs zu übernehmen.
Weiterbildung ist deshalb nicht nur Bildungspolitik. Sie ist Personalentwicklung. Und eines der Instrumente, mit denen wir Fachkräfte nicht nur gewinnen, sondern langfristig für unseren Berufsstand begeistern können.
Vor 20 Jahren konnte niemand wissen, welche Anforderungen heute an einen Küchenchef gestellt werden. Ebenso wenig können wir heute exakt vorhersagen, wie eine professionelle Küche im Jahr 2036 aussehen wird. Aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren: abwarten, bis Veränderungen uns dazu zwingen, Neues zu lernen – oder Weiterbildung als das begreifen, was sie eigentlich sein sollte: ein selbstverständlicher Teil unserer beruflichen Identität.
pj

Richtiges Handeln
Erste Hilfe

Wenn plötzlich die Luft wegbleibt

Verschlucken & Ersticken – richtig handeln, wenn jede Sekunde zählt
FOTO: KI generiertes Bild
Ein Stück Fleisch, Brot oder ein anderer Bissen gerät in die Atemwege – und plötzlich wird aus einem normalen Essen ein Notfall. Gerade in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung sollten Mitarbeitende wissen, was jetzt zu tun ist. Nicht jedes Verschlucken ist sofort lebensbedrohlich. Kann die betroffene Person noch kräftig husten, sprechen und atmen, soll sie weiterhusten. Aufmerksames Beobachten ist wichtig.
Gefährlich wird es, wenn der Fremdkörper die Atemwege vollständig oder nahezu vollständig blockiert. Die Person kann nicht mehr sprechen oder richtig atmen, hustet kaum oder lautlos und greift häufig an den Hals. Jetzt muss schnell gehandelt werden.
ERSTICKEN – SO HANDELST DU RICHTIG
1. Zum Husten auffordern
Kann die Person noch kräftig husten, soll sie weiterhusten. Nicht sofort auf den Rücken schlagen.
2. Bis zu 5 Rückenschläge
Kann sie nicht mehr wirksam husten oder atmen, den Oberkörper nach vorne beugen und bis zu 5 kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter geben. Nach jedem Schlag prüfen, ob sich der Fremdkörper gelöst hat.
3. Bis zu 5 Oberbauchkompressionen (Heimlich-Manöver)
Bleibt die Atemwegsverlegung bestehen, hinter die Person stellen, die Arme um den Oberbauch legen und bis zu 5 kräftige Kompressionen nach innen und oben durchführen.
4. Weiter im Wechsel & 112 alarmieren
Löst sich der Fremdkörper nicht, abwechselnd 5 Rückenschläge und 5 Oberbauchkompressionen durchführen. Den Notruf 112 so früh wie möglich veranlassen.
5. Person wird bewusstlos
Die Person vorsichtig zu Boden bringen. Atmet sie nicht normal, sofort mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung (30 Herzdruckmassagen: 2 Beatmungen, alternativ durchgehende Herzdruckmassage ohne Beatmung) beginnen und einen vorhandenen AED (Automatisierter externer Defibrillator) einsetzen.
Wichtig
Nicht blind mit den Fingern im Mund oder Rachen nach dem Fremdkörper suchen – dadurch kann dieser noch tiefer geschoben werden. Bei Schwangeren, stark übergewichtigen Personen, Kindern und Säuglingen gelten teilweise andere Maßnahmen. Die richtigen Handgriffe sollten deshalb regelmäßig in einem Erste-Hilfe-Kurs praktisch trainiert werden.
Gut vorbereitet im Gastronomiebetrieb
Ein Erstickungsnotfall kann jederzeit einen Gast oder ein Teammitglied treffen. Deshalb sollte im Betrieb klar sein, wer Erste Hilfe leistet, wer den Notruf absetzt, wo sich der nächste AED befindet und wer den Rettungsdienst einweist.
Denn wenn jemand keine Luft mehr bekommt, zählt nicht nur Wissen – sondern schnelles und entschlossenes Handeln.
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