Thema
Ein Blick hinter die Kulissen

Der Wert des Weggelassenen

Warum Food Waste nicht nur eine Kostenfrage ist, sondern ein kultureller Wendepunkt für unsere Branche.
FOTO: Pete Linforth / Pixabay
Lebensmittelverschwendung (Food Waste) galt lange als unvermeidliches Nebenprodukt des Küchenalltags. Doch die Dimensionen, die sie in Europa angenommen hat, machen deutlich: Wir sprechen nicht von Kleinigkeiten, sondern von einem strukturellen Problem. Jährlich landen rund 88 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll – ein enormer ökologischer und wirtschaftlicher Verlust.
Und obwohl private Haushalte viel beitragen, ist die Gastronomie keineswegs ein Nebenschauplatz: In der Außer-Haus-Verpflegung entstehen maßgebliche Anteile dieser Verluste. Für Küchenbetriebe bedeutet das: Jede eingesparte Zutat verbessert die Marge. Jedes vermiedene Kilo Abfall ist eine Investition in Qualität, Nachhaltigkeit und Professionalität.
Doch der Kern der Frage bleibt: Wo entsteht Abfall wirklich – und wie lässt er sich nachhaltig reduzieren?
Der Blick in die Küche: Die unsichtbaren Quellen
Wenn man Küchenabläufe analysiert, offenbart sich ein Muster. Lebensmittel landen nicht durch Faulheit oder Bequemlichkeit im Müll, sondern häufig aufgrund von Routine, Zeitdruck oder Tradition:
Überproduktion – besonders in Buffetsystemen
Fehlerhafte oder überladene Lagerung – das Gegenteil von Mise-en-Place
Verarbeitungsreste – essbare Teile, die nie eine Chance bekommen
Gerade Letzteres ist ein blinder Fleck: Abschnitte, Schalen, Stiele – vermeintlich wertlos, tatsächlich voller Aromen und Potenzial. Abfall entsteht selten bewusst, aber oft unreflektiert.
Planung ist kein Korsett – sie ist Freiheit
Viele Küchen bestellen nach Gefühl. Erfahrung ist wertvoll – aber sie ersetzt keine Daten. Erhebungen zeigen, dass 4–10 Prozent aller eingekauften Lebensmittel ungenutzt entsorgt werden. Ein stiller Verlust, der sich über Wochen und Monate zu erheblichen Summen aufsummiert.
Dort, wo Betriebe auf kluge Planung setzen, zeigt sich ein anderes Bild:
kleinere, häufigere Lieferungen statt überladener Kühlhäuser
tägliche Bedarfsprognosen statt großer Wochenschätzungen
digitale Lagerverwaltung, die Fehlbestände sichtbar macht
präzise portionierte Menüs,die Kreativität fördern statt sie zu begrenzen
Das Ergebnis ist bemerkenswert: weniger Abfall, bessere Qualität, ruhigere Abläufe. Planung nimmt nicht die Freiheit – sie schafft die Grundlage dafür.
Zero Waste beginnt beim Messer: Die Renaissance des Handwerks
Wenn Köchinnen und Köche heute über Reste sprechen, dann klingt das nicht nach Sparsamkeit, sondern nach Respekt. In vielen Küchen entsteht eine neue Wertschätzung für das, was früher gedankenlos entsorgt wurde:
Fonds, Reduktionen und Aromensaucen aus Abschnitten
Öle, Pestos und Würzpasten aus Kräuterstielen
Brotaromen als Croûtons, Crumbs oder Basis für Saucen
Fischkarkassen und Knochen, die zu Jus oder Pulvern transformiert werden
Das ist nicht nur nachhaltig, sondern zutiefst kulinarisch. Die Frage lautet nicht mehr: „Was müssen wir wegwerfen?“, sondern: „Was können wir daraus machen?“
Technologie schafft Klarheit – und Verantwortung
Digitalisierung ist kein Fremdkörper in der Küche mehr. Sie liefert Zahlen, wo früher nur Bauchgefühl regierte:
Inventarsysteme zeigen Bestände in Echtzeit
KI warnt vor Überproduktion und blockiert Fehlbestellungen
Waagen und Sensoren dokumentieren Abfall objektiv und nachvollziehbar
Viele Betriebe berichten dadurch von einer Reduktion ihrer Abfälle um 30–50 Prozent. Nicht, weil sie plötzlich anders kochen – sondern weil sie bewusster handeln.
Altes Wissen, neu verstanden: Fermentation, Einlegen, Trocknen
Dass traditionelle Konservierungstechniken zurückkehren, ist kein Trend. Es ist eine Rückbesinnung auf etwas Grundsätzliches: Haltbarkeit ist Teil des Handwerks.
Fermentieren schafft komplexe, lebendige Aromen
Trocknen konzentriert Geschmack und macht Produkte transportfähig
Einlegen verlängert Saisonzeiten und eröffnet neue Kombinationen
Was früher als Notwendigkeit galt, wird heute zu einem Werkzeug kreativer Spitzenküche.
Der größte Hebel: Buffets neu denken
In Hotels entsteht der Großteil des Abfalls nicht in der Küche, sondern am Buffet.
Doch genau dort wirkt Veränderung am stärksten:
Mini-Portionen statt überfüllter Schalen
Live-Cooking-Stationen, die Nähe schaffen und Abfall minimieren
Gäste konkret nach Beilagen fragen
Hybride Konzepte, die Buffet und À-la-carte verbinden
Es ist ein kultureller Wandel: vom Überangebot als Qualitätsversprechen hin zu Wertschätzung als Qualitätsmerkmal.
Das Team entscheidet – nicht die Technik
Am Ende steht kein System, kein Gerät, keine Methode im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Denn die besten Prozesse scheitern, wenn das Team nicht mitzieht.
Wirksame Küchen setzen heute konsequent auf:
tägliche kurze Waste-Reflexionen
klare Portionierungsstandards
Kommunikation zwischen Küche und Service
kontinuierliche Schulung
Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil des Abfalls auf Handling-Fehler zurückgeht – also auf Arbeitsschritte, die sich durch Achtsamkeit und Wissen korrigieren lassen.
Food Waste ist ein Spiegelbild unseres Kochens
Lebensmittelverschwendung zu reduzieren ist mehr als ein Kostenfaktor. Es ist eine Haltung: gegenüber dem Produkt, der Natur und dem eigenen Handwerk. Wer weniger wegwirft, kocht nicht nur wirtschaftlicher – sondern bewusster, kreativer und moderner. Die Zukunft der Gastronomie wird nicht am Pass entschieden, sondern dort, wo wir täglich kleine Entscheidungen treffen: im Kühlhaus, am Schneidbrett, beim Mise-en-Place.
Abfall ist nicht das Ende einer Zutat – oft ist er der Anfang einer besseren Küche.
pj

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Mehr als Statistik

Lebensmittelverschwendung ist ein moralisches Problem

Die Verantwortung dafür tragen Köchinnen und Köche, aber auch Familien zu Hause am Küchentisch.
Auch in Südtirols Küchen, Haushalten und Betrieben wird mehr entsorgt, als uns bewusst ist. FOTO: Coffee-king / Pixabay
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
der Food Waste Index Report der UN 2024 zeigt ein globales Drama, das wir nicht länger ignorieren dürfen: Jedes Jahr werden über eine Milliarde Tonnen Lebensmittel weggeworfen, während 783 Millionen Menschen weltweit hungern. Das ist nicht nur eine Statistik – das ist ein moralisches Versagen.
Und wir hier in Südtirol sind davon nicht ausgenommen.
Auch in unseren Küchen, Haushalten und Betrieben wird mehr entsorgt, als uns bewusst ist. Die UN-Zahlen bestätigen: 60 Prozent der Verschwendung passiert im Privathaushalt, 28 Prozent in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. Das heißt auch: Wir Köchinnen und Köche tragen Verantwortung – aber nicht allein. Lebensmittelverschwendung ist ein gesellschaftliches Problem, das in allen Schichten, Regionen und Küchen stattfindet.
Gleichzeitig belastet jeder weggeworfene Apfel, jede halbe Portion auf dem Teller und jedes falsch kalkulierte Menü unser Klima. Die Emissionen aus verschwendeten Lebensmitteln sind größer als die des globalen Flugverkehrs. Wir reden viel über CO2, über Nachhaltigkeit, über regionale Qualität – aber wir reden zu selten über das, was danach passiert: den Müll.
Als Köchinnen und Köche wissen wir, wie viel Arbeit, Leidenschaft und Ressourcen in jedem Produkt stecken – vom Bauernhof bis zum Teller. Lebensmittel sind keine Wegwerfware. Sie sind das Ergebnis harter Arbeit, natürlicher Rhythmen und einer Wertschöpfungskette, die Respekt verdient.
Was wir brauchen, ist ein neues Bewusstsein in der gesamten Gesellschaft:
mehr Wissen in den Haushalten
bessere Planung und Portionierung
mehr Mut, Reste kreativ zu verwerten
mehr Unterstützung für Produzenten die regional und nachhaltig arbeiten
und eine Politik, die Anreize schafft,statt nur zu mahnen.
Als Südtiroler Köcheverband - SKV werden wir weiterhin unseren Beitrag leisten – durch Aufklärung und den Dialog mit unseren Mitgliedern. Aber es braucht jede und jeden: von der Gastronomie bis zur Familie daheim am Küchentisch.
Der Food Waste Index Report ist ein Weckruf.
Die Frage ist nicht, ob wir ihn hören. Die Frage ist, ob wir endlich handeln.
KM Patrick Jageregger
SKV-Präsident