Thema
Nudging in der Südtiroler Gastronomie
Kleine Schubser, große Wirkung
Wie sanfte Verhaltensimpulse den Fleischkonsum reduzieren – ohne Genuss, Wahlfreiheit oder Gastzufriedenheit zu beeinträchtigen

FOTO: Pixabay
Nachhaltigkeit, Regionalität und Gesundheit zählen mittlerweile zu den prägenden Leitbildern der alpinen Küche. Gleichzeitig bleibt Fleisch ein identitätsstiftender Bestandteil vieler Südtiroler Betriebe – vom Traditionsgasthaus bis zum Hotelrestaurant. Zwischen Qualitätsanspruch und ökologischem Bewusstsein stellt sich zunehmend die Frage: Wie kann man Fleischkonsum moderat und freiwillig reduzieren, ohne Gäste zu bevormunden?
Eine vielversprechende Antwort darauf liefert ein Ansatz aus der Verhaltensökonomie: Nudging.
Eine vielversprechende Antwort darauf liefert ein Ansatz aus der Verhaltensökonomie: Nudging.
Was Nudging bedeutet – und was nicht
„Nudging“ steht für kleine, gezielte Veränderungen der Entscheidungsarchitektur, also der Art und Weise, wie Optionen präsentiert werden. Die Grundidee: Menschen sollen sanft angestupst, aber nicht gezwungen werden, eine nachhaltigere oder gesündere Wahl zu treffen. Alle Alternativen bleiben verfügbar – doch die Wahl fällt leichter.
Beispiele
attraktive Platzierung pflanzlicher Gerichte
vegetarische Gerichte als Standardoption („Default“)
positive soziale Normen („Unser Favorit des Tages“)
kreative, genussbetonte Namen für Veggie-Gerichte
Ziel ist nicht Verzicht, sondern ein müheloserer Zugang zu fleischärmeren Alternativen.
Warum Fleisch-Nudges notwendig und sinnvoll sind
Fleisch besitzt einen hohen ökologischen Fußabdruck und ist weltweit für einen bemerkbaren Anteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Gleichzeitig zeigen Gesundheitsdaten, dass ein hoher Konsum – besonders von verarbeitetem Fleisch – Risiken birgt.
Nudging soll daher keine Verbote durchsetzen, sondern ermöglichen, dass Gäste leicht, freiwillig und ohne Qualitätsverlust zu ausgewogenen, pflanzlichen oder moderat portionierten Fleischgerichten greifen.
Nudging soll daher keine Verbote durchsetzen, sondern ermöglichen, dass Gäste leicht, freiwillig und ohne Qualitätsverlust zu ausgewogenen, pflanzlichen oder moderat portionierten Fleischgerichten greifen.
Was die Forschung sagt, Erkenntnisse aus 78 Feldstudien
Internationale Studien sowie eine Meta-Analyse der Freien Universität Bozen (unibz) zeigen:
Platzierungs-Nudges steigern die Wahl vegetarischer Optionen messbar.
Default-Strategien (vegetarisches Standardmenü) können den Fleischkonsum um bis zu 50 Prozent reduzieren.
Kreative Menübezeichnungen steigern die Attraktivität pflanzlicher Gerichte teils deutlich (z. B. +76 Prozent in Freizeitgastronomie).
Umdrehen des Standards („Veggie zuerst – Fleisch auf Wunsch“) kann Bestellungen pflanzlicher Alternativen um über 200 Prozent erhöhen.
Gleichzeitig warnt die Forschung: Zu aufdringliche oder häufig wiederholte Nudges können Reaktanz auslösen – Gäste wollen sich nicht manipuliert fühlen. Transparenz und Freiwilligkeit sind daher essenziell.
Südtirol im Fokus: Nudging in der Praxis
Besonders spannend: Nudging wurde in Südtirol bereits wissenschaftlich untersucht und praktisch erprobt – mit Erfolgen, die für Gastronomiebetriebe hochrelevant sind.
1. Feldstudie im Südtiroler Hotelrestaurant
In einer Studie der unibz wurden Fleischportionen von ca. 140 g auf 110 g reduziert, während die Gemüsebeilagen leicht erhöht wurden.
Ergebnisse:
Gäste blieben gleich zufrieden
kein „Nachholen“ von Fleisch an anderen Tagen
der Nudge wurde nicht als Verzicht wahrgenommen
regionale Qualität blieb im Fokus – entscheidend für die Glaubwürdigkeit in Südtirol
Diese Untersuchung beweist: Moderate Portionsanpassung kann ökologisch wirken, ohne Gäste zu irritieren.
2. Nudging passt ideal zur Südtiroler Genusskultur
Die Forschung betont ein zentrales Argument:
Südtirol ist eine Region, die stark mit Qualität, handwerklicher Verarbeitung und regionaler Herkunft wirbt. Genau diese Faktoren erleichtern Nudging-Maßnahmen, weil sie:
Südtirol ist eine Region, die stark mit Qualität, handwerklicher Verarbeitung und regionaler Herkunft wirbt. Genau diese Faktoren erleichtern Nudging-Maßnahmen, weil sie:
weniger mit Verzicht zu tun haben
auf Wertschöpfung statt Masse setzen
Nachhaltigkeit als selbstverständliche Qualitätsdimension zeigen
Das heißt: Nudging harmoniert perfekt mit dem Südtiroler Selbstverständnis moderner Gastronomie.
Konkrete Nudges für Südtiroler Küchen und Kantinen
1. Speisekarten-Gestaltung
Gemüsebasierte Gerichte zuerst auflisten
attraktive, regionale Namen verwenden („Gartenrisotto vom Vinschger Gemüse“)
Fleischgerichte klar, aber nicht dominant darstellen
2. Buffet-Architektur
vegetarische Gerichte auf Augenhöhe und am Buffetanfang
Fleisch eher nachgeordnet positionieren
hochwertige Beilagen opulent inszenieren
3. „Veggie-Default“ – Fleisch als Zusatzoption
Standard-Menü vegetarisch
„Fleischupgrade“ gegen Aufpreis oder bewusste Auswahl
4. Kommunikation & Transparenz
Hinweis wie: „Heute als Standard: regionales Gemüsegericht – Fleisch jederzeit auf Wunsch“
Betonung regionaler Herkunft des Fleisches, wenn gewählt wird
Nudging ist kein Trend – sondern ein Werkzeug für die Zukunft
Für Südtirols Gastronomie, Hotellerie und Gemeinschaftsverpflegung bietet Nudging eine strategische Chance:
Fleischkonsum reduzieren, ohne Genussverlust
regionale Qualität in den Mittelpunkt stellen
Nachhaltigkeit glaubwürdig leben
Gästezufriedenheit erhalten oder sogar steigern
Viele Betriebe zeigen bereits: Weniger Fleisch bedeutet nicht weniger Erlebnis – sondern oft mehr Wertschätzung für das Produkt.
Südtirol kann hier Vorreiter bleiben: mit feinen Anstößen statt großen Verboten.
pj
Südtirol kann hier Vorreiter bleiben: mit feinen Anstößen statt großen Verboten.
pj

