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Kulinarische Präzision im Hochgebirge

Die unsichtbare Logistik hinter dem Olympia-Biathlon in Antholz

Wie Karl Telfser und sein Team ein Catering-Großprojekt für zehntausende Menschen meistert – ohne Fertigprodukte und mit konsequenter Regionalität.
Karl Telfser, Verantwortlicher für F&B beim olympischen Biathlonwettbewerb in Antholz – FOTO: Florian Andergassen
Während im Februar 2026 die besten Biathletinnen und Biathleten der Welt in Antholz um olympische Medaillen kämpfen, läuft hinter den Kulissen ein zweites Hochleistungsprogramm: das Catering. Zehntausende Fans, Athleten, Medienvertreter und freiwillige Helfer müssen täglich versorgt werden – frisch, sicher und logistisch perfekt abgestimmt.
Für diese Mammutaufgabe verantwortlich: Karl Telfser, Gesamtleiter für Food & Beverage in Antholz. Er gab uns einen exklusiven Einblick in die Organisation und die Herausforderungen dieser Großveranstaltung.
Dimensionen eines kulinarischen Megaprojekts
Zehn Wettkampftage, 18.000 Zuschauer pro Tag, dazu 400 Athleten, 1.200 freiwillige Helfer, rund 450 Medienvertreter. Davon können etwa 4.000 Personen täglich in den „Restaurants“ Sitzplätze vorfinden. Hinzu kommen mehrere tausend Fans, die an den Kiosken versorgt werden.
„Wir betreiben neun Ausgabestationen, davon drei als Kioske für Stehverpflegung“, erklärt Telfser. „Alle Speisen werden frisch gekocht – wir arbeiten ohne Fertigprodukte.“
Im Angebot der Kioske finden sich unter anderem belegte Brote mit Speck und Käse aus Südtirol, und herzhafte Gerichte und speziell abgestimmte Athletenmenüs in den Restaurants. Wichtig: Essen und Getränke dürfen nicht ins Olympia-Areal mitgebracht werden – die Versorgung liegt vollständig in der Hand des Catering-Teams.
Planung auf olympischem Niveau
Offiziell beginnt die Vorbereitung rund ein Jahr vor den Spielen. „In Wahrheit planen wir aber schon viel länger“, sagt Telfser. „Solche Dimensionen brauchen Weitsicht und eine klare Struktur.“
Besonders herausfordernd seien die ständigen Anpassungen: „Nichts bleibt fix. Änderungen begleiten uns bis zum Schluss. Flexibilität ist im Gastgewerbe grundlegend – bei Olympia erst recht.“
Regionalität als Leitprinzip
Ein zentrales Element der Planung ist die Auswahl der Lebensmittel. „Wir setzen ganz klar auf regionale Produkte und Produzenten“, betont Telfser. Verwendet werden überwiegend Südtiroler Qualitätsprodukte.
Auch die Rezepturen und Menüs unterliegen strengen Vorgaben: „Die Gerichte für Athleten und Funktionäre gibt das IOC (Internationales Olympisches Komitee) vor. Teams kontrollieren Rezepte und Nährwerte. Auch unsere Gäste-Menüs müssen seitens IOC abgesegnet werden.“ Dabei berücksichtigt das Catering-Team vielfältige Ernährungsformen – von glutenfrei über vegan bis vegetarisch.
Küchenstruktur: Produktion in Lana, Finalisierung in Antholz
Gekocht wird zunächst zentral im Firmensitz in Lana. „Die Finalisierung erfolgt dann direkt im Areal an unseren neun verschiedenen Stationen“, erklärt Telfser.
Weil die Zufahrtswege aufgrund des Zuschaueraufkommens extrem beschränkt sind, muss die Logistik präzise getaktet sein. „Eine halbe Stunde vor dem Rennen darf nicht mehr gefahren werden.“
Für ein Event dieser Größe braucht es eine ausgefeilte Kühl- und Transportlogistik.
Zum Einsatz kommen Kühlzellen, Kühlwagen, mobile Warmhaltesysteme und jede Menge Öfen, Kochfelder und Nudelkocher, die das Team mit 45 Mitarbeitenden aus Küche, Service und Logistik bedient.
Krisenmanagement: Strom doppelt abgesichert
In einem alpinen Wintersportareal muss man mit allem rechnen – Schneefall, blockierten Straßen oder technischen Pannen.
„Wir haben die gesamte Stromversorgung doppelt abgesichert“, erklärt Telfser. „Und wenn beide Systeme ausfallen sollten, springt innerhalb von Sekunden ein Notstromaggregat ein.“
Allein die VIP-Küche läuft mit beeindruckenden 300 kW Stromleistung. „Bei den Weltmeisterschaften und Weltcuprennen hatten wir bisher nie ein Problem. Sollte trotzdem etwas passieren, stehen Elektriker und Techniker rund um die Uhr bereit.“
Unsichtbare Meisterleistungen für den perfekten Olympiamoment
Was Fans und Sportler im Februar 2026 erleben werden, ist das Resultat jahrelanger Planung, minutiöser Logistik und eines Teams, das nichts dem Zufall überlässt. Dass Tausende täglich frisch und regional versorgt werden können, ist einer jener Momente, in denen das Gastgewerbe seine wahre Stärke zeigt – flexibel, belastbar und voller Leidenschaft. Karl Telfser, sein Team und das Biathlonkomitee von Antholz, das alles erst möglich macht, liefern damit jene stille Höchstleistung, ohne die der olympische Glanz in Antholz nicht möglich wäre.

pj

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Nudging in der Südtiroler Gastronomie

Kleine Schubser, große Wirkung

Wie sanfte Verhaltensimpulse den Fleischkonsum reduzieren – ohne Genuss, Wahlfreiheit oder Gastzufriedenheit zu beeinträchtigen
FOTO: Pixabay
Nachhaltigkeit, Regionalität und Gesundheit zählen mittlerweile zu den prägenden Leitbildern der alpinen Küche. Gleichzeitig bleibt Fleisch ein identitätsstiftender Bestandteil vieler Südtiroler Betriebe – vom Traditionsgasthaus bis zum Hotelrestaurant. Zwischen Qualitätsanspruch und ökologischem Bewusstsein stellt sich zunehmend die Frage: Wie kann man Fleischkonsum moderat und freiwillig reduzieren, ohne Gäste zu bevormunden?
Eine vielversprechende Antwort darauf liefert ein Ansatz aus der Verhaltensökonomie: Nudging.
Was Nudging bedeutet – und was nicht
„Nudging“ steht für kleine, gezielte Veränderungen der Entscheidungsarchitektur, also der Art und Weise, wie Optionen präsentiert werden. Die Grundidee: Menschen sollen sanft angestupst, aber nicht gezwungen werden, eine nachhaltigere oder gesündere Wahl zu treffen. Alle Alternativen bleiben verfügbar – doch die Wahl fällt leichter.
Beispiele
attraktive Platzierung pflanzlicher Gerichte
vegetarische Gerichte als Standardoption („Default“)
positive soziale Normen („Unser Favorit des Tages“)
kreative, genussbetonte Namen für Veggie-Gerichte
Ziel ist nicht Verzicht, sondern ein müheloserer Zugang zu fleischärmeren Alternativen.
Warum Fleisch-Nudges notwendig und sinnvoll sind
Fleisch besitzt einen hohen ökologischen Fußabdruck und ist weltweit für einen bemerkbaren Anteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Gleichzeitig zeigen Gesundheitsdaten, dass ein hoher Konsum – besonders von verarbeitetem Fleisch – Risiken birgt.
Nudging soll daher keine Verbote durchsetzen, sondern ermöglichen, dass Gäste leicht, freiwillig und ohne Qualitätsverlust zu ausgewogenen, pflanzlichen oder moderat portionierten Fleischgerichten greifen.
Was die Forschung sagt, Erkenntnisse aus 78 Feldstudien
Internationale Studien sowie eine Meta-Analyse der Freien Universität Bozen (unibz) zeigen:
Platzierungs-Nudges steigern die Wahl vegetarischer Optionen messbar.
Default-Strategien (vegetarisches Standardmenü) können den Fleischkonsum um bis zu 50 Prozent reduzieren.
Kreative Menübezeichnungen steigern die Attraktivität pflanzlicher Gerichte teils deutlich (z. B. +76 Prozent in Freizeitgastronomie).
Umdrehen des Standards („Veggie zuerst – Fleisch auf Wunsch“) kann Bestellungen pflanzlicher Alternativen um über 200 Prozent erhöhen.
Gleichzeitig warnt die Forschung: Zu aufdringliche oder häufig wiederholte Nudges können Reaktanz auslösen – Gäste wollen sich nicht manipuliert fühlen. Transparenz und Freiwilligkeit sind daher essenziell.
Südtirol im Fokus: Nudging in der Praxis
Besonders spannend: Nudging wurde in Südtirol bereits wissenschaftlich untersucht und praktisch erprobt – mit Erfolgen, die für Gastronomiebetriebe hochrelevant sind.
1. Feldstudie im Südtiroler Hotelrestaurant
In einer Studie der unibz wurden Fleischportionen von ca. 140 g auf 110 g reduziert, während die Gemüsebeilagen leicht erhöht wurden.
Ergebnisse:
Gäste blieben gleich zufrieden
kein „Nachholen“ von Fleisch an anderen Tagen
der Nudge wurde nicht als Verzicht wahrgenommen
regionale Qualität blieb im Fokus – entscheidend für die Glaubwürdigkeit in Südtirol
Diese Untersuchung beweist: Moderate Portionsanpassung kann ökologisch wirken, ohne Gäste zu irritieren.
2. Nudging passt ideal zur Südtiroler Genusskultur
Die Forschung betont ein zentrales Argument:
Südtirol ist eine Region, die stark mit Qualität, handwerklicher Verarbeitung und regionaler Herkunft wirbt. Genau diese Faktoren erleichtern Nudging-Maßnahmen, weil sie:
weniger mit Verzicht zu tun haben
auf Wertschöpfung statt Masse setzen
Nachhaltigkeit als selbstverständliche Qualitätsdimension zeigen
Das heißt: Nudging harmoniert perfekt mit dem Südtiroler Selbstverständnis moderner Gastronomie.
Konkrete Nudges für Südtiroler Küchen und Kantinen
1. Speisekarten-Gestaltung
Gemüsebasierte Gerichte zuerst auflisten
attraktive, regionale Namen verwenden („Gartenrisotto vom Vinschger Gemüse“)
Fleischgerichte klar, aber nicht dominant darstellen
2. Buffet-Architektur
vegetarische Gerichte auf Augenhöhe und am Buffetanfang
Fleisch eher nachgeordnet positionieren
hochwertige Beilagen opulent inszenieren
3. „Veggie-Default“ – Fleisch als Zusatzoption
Standard-Menü vegetarisch
„Fleischupgrade“ gegen Aufpreis oder bewusste Auswahl
4. Kommunikation & Transparenz
Hinweis wie: „Heute als Standard: regionales Gemüsegericht – Fleisch jederzeit auf Wunsch“
Betonung regionaler Herkunft des Fleisches, wenn gewählt wird
Nudging ist kein Trend – sondern ein Werkzeug für die Zukunft
Für Südtirols Gastronomie, Hotellerie und Gemeinschaftsverpflegung bietet Nudging eine strategische Chance:
Fleischkonsum reduzieren, ohne Genussverlust
regionale Qualität in den Mittelpunkt stellen
Nachhaltigkeit glaubwürdig leben
Gästezufriedenheit erhalten oder sogar steigern
Viele Betriebe zeigen bereits: Weniger Fleisch bedeutet nicht weniger Erlebnis – sondern oft mehr Wertschätzung für das Produkt.
Südtirol kann hier Vorreiter bleiben: mit feinen Anstößen statt großen Verboten.
pj